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Oswald Henke - Ich habe mir die Liebe abgewöhnt und bin doch weiter süchtig

Culex-Verlag




Mit dem Culex-Verlag erblickte unlängst ein ambitioniertes Verlagsprojekt das Licht der Welt, welches sich zum Ziel gesetzt hat, einen Gegenpunkt zum kommerziellen Verlagswesen des Mainstream zu setzen. "Anders denken", so lautet das Motto des Verlages, und getreu diesem Leitspruch widmet sich Culex Veröffentlichungen außergewöhnlicher, außerordentlicher Werke - quer durch alle Genres, die Bereiche Literatur und Musik abdeckend. "Kunst muss der Sprengstoff sein, der die existenzielle Freiheit von der Konformität befreit".

Eine der ersten Veröffentlichungen im Culex-Portfolio ist das dritte Buch des vielen als Kopf von Goethes Erben und Fetisch:Mensch bekannten Künstlers Oswald Henke. "Ich habe mir die Liebe abgewöhnt und bin doch weiter süchtig" vereint Liedtexte, Gedichte und Kolumnen Oswald Henkes, gepaart mit einigen Fotografien des Autoren. Die Zweiteilung des Buches nach Gedichten und Kolumnen nehme ich auch für eine Art "Zweiteilung" dieser Rezension zum Anlass, da beide Teile der Veröffentlichung sehr unterschiedliche Wirkungen entfalten und jeweils für sich genommen eine Erörterung wert sind.

Beginnen wir mit der Lyrik. Das ein oder andere Gedicht mag Besuchern von Fetisch:Mensch-Konzerten bekannt vorkommen, wurden doch Gedichte wie "Narbengarten" oder "Zwischenseelenträume" bereits eindringlich und eindrucksvoll vertont und live aufgeführt. Generell sind alle Gedichte, dem Titel des Buches angemessen, geprägt von tiefer Emotionalität und spiegeln, so scheint es, die sehr persönlichen Erfahrungen des Autoren wider. Genau dies mag auch der Grund sein, warum ich mich mit der Tonalität und Stimmung der Gedichte an einigen Stellen nicht recht anfreunden kann. Zu negativ, zu ausweglos trägt die Lyrik den Leser vielerorts in emotionale Abgründe ohne Licht und Hoffnung. Es liegt eine Depression zwischen und in den Zeilen, die mir zu unreflektiert auf den Leser drückt, der die Hintergründe oft nur erahnen, aber nicht kennen und daher auch nie völlig nachvollziehen kann. Im Vergleich liest sich Hesse wie heitere Morgenlektüre. Jedoch ist dieses Empfinden subjektiv, und ich glaube wohl, dass sich, im Gegensatz zu mir, viele Leser durchaus auch in den Erlebniswelten Henkes wiederfinden werden, Trost finden in den Erlebnissen eines anderen, die den ihren ähnlich sind. Lyrik ist immer subjektiv, so wie jedes Werk ehrlicher und tiefschürfender Kunst. Obgleich ich also der inhaltlichen Ebene der Gedichte nur bedingt zustimmen kann, empfinde ich dennoch tiefen Respekt für die Offenheit und Eindringlichkeit, mit der Oswald Henke seine Lyrik präsentiert, und empfehle jedem, sich selbst einen Eindruck zu verschaffen und sich seine ganz eigene Meinung zu den Gedichten in "Ich habe mir die Liebe abgewöhnt..." zu bilden.

Kommen wir nun zum zweiten Teil des Buches, der mit den Henke trocken-Kolumnen der Jahre 2005 - 2007 meiner Meinung nach wesentlich leichter für den Leser zugänglich ist. Dies mag vor allem daran liegen, dass die Thematiken der Kolumnen sehr breit gefächert sind und ein weites Spektrum der kritischen Auseinandersetzung mit modernem Zeitgeschehen abdecken. Medien, Politik, Gesellschaft, und immer wieder der Mensch im Allgemeinen wie im Besonderen. Die Kolumnen lesen sich durchweg flüssig und unterhaltsam, und es gelingt dem Autoren immer wieder, den Leser mit unbequemen Fragen und kritischen Thesen aufzurütteln und zu eigener Reflexion anzuspornen.

Und hier, in der Prosaform gelingt auch das, was mir in den Gedichten irgendwie fehlt: dem Leser nicht nur Negatives aufzuzeigen, sondern auch Hoffnung zu spenden, Lösungsvorschläge ebenso wie Ansätze für eigenes Denken und Handeln zu liefern. Zum Beispiel der berührende Apell an die Opfer von Vergewaltigung und Gewalt, eben nicht vor den Schatten der Vergangenheit zu kapitulieren, sondern Hoffnung zu schöpfen, weiterzuleben. Mut zu haben.
Es sind Momente wie diese, welche "Ich habe mir die Liebe abgewöhnt und bin doch weiter süchtig" in meinen Augen greifbar machen, dem Werk seinen Sinn geben und es aus der Masse belanglos-unterhaltsamer Veröffentlichungen hervorheben.

"Ich habe mir die Liebe abgewöhnt und bin doch weiter süchtig" ist für Menschen, die beim Lesen gern auch Herz und Hirn benutzen. Ob man sich den teilweise unbequemen Fragen und Abgründen stellen möchte, die Oswald Henke in seinem Buch offenbart, bleibt letztendlich jedem selbst überlassen. Das ist ja das Schöne - noch leben wir in einer Gesellschaft, in der wir selbst entscheiden können. Zumindest über die Wahl unserer Bücher. Solange jemand den Mut hat, sie zu veröffentlichen.

www.oswald-henke.de 

9 von 10 Punkten

Autor: Evangeline Cooper


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