Weckerklingeln 7 Uhr, Kaffee, Duschen, noch ein Kaffe und los geht´s nach Hildesheim. Um ehrlich zu sein war ich niemals zuvor auf einem Festival dieser Art. Was mich da wohl erwarten mochte. Aber ich dachte, ich bin ja einigermaßen erfahren durch meine Heimdisse, das passt schon, viel anders wird da sicher nicht sein. Dort angereist finden mein Kumpane und ich eine Ansammlung vieler schwarzer und extrem gekleideter Gothikanhänger. Von "Wehrmachtsoffizier" bis zu bis zu Transvestiten war so ziemlich alles dabei, was auffällt. Meine Rechnung, dass ich mit einer schlichten Jeans und einem schwarzem T-Shirt nicht auffallen würde, ging nicht auf.
Nachdem die Karre geparkt war, wurde sich erstmal über den Proviant hergemacht, man hatte ja schließlich seit 2 Stunden nichts mehr gegessen. Während wir nun Sandwich mampfender Weise auf dem schlammigen (laut anderen Festivalgängern soll es dieses Mal noch human gewesen sein, im Vergleich zu den Letzten Malen) Parkplatz unser Stühlchen und Tischen, wie sich das gehört, aufgebaut hatten, wehten uns bereits die ersten Klänge von Lola Angst entgegen. Nun konnte es los gehen.
Auf dem Gelände angekommen, trifft man zuerst auf die (wie man sich ja bei einem Festival denken kann) Zeltstadt, gefolgt von den vielen Snackbuden. Nachdem man die zweite Sicherheitsbarriere überwunden hat, gelang man auf das innere Gelände. Hier fanden sich viele Stände für Gothicbekleidung und sonstigen Zubehör. Rechts neben dem Tower des Flugplatzes ragte die Hauptbühne wie ein Schrein hervor. Der Hangar rechts von der Hauptbühne beherbergte die kleinere Bühne.
Die erste Band, die ich dann auch mit Augen und Ohren vernommen habe, waren JESUS ON EXSTASY auf der Hauptbühne. Die beiden Mädchen und die drei Jungs verstanden es dem Publikum die Initialzündung für ein gutes Festival zu geben. Guter Goth- Rock, wie er sein muss. Viel Gitarre und dazu ein paar Keyboard Sequenzen verhalfen zu einem Runden Sound. Danach waren im Anschluss FAIR TO MIDLAND im Hangar an der Reihe. Die fünf Texaner gaben volles Pfund! Sänger Darroh legte eine Bühnenshow hin, die seinesgleichen suchte. Von melodiösen Gesangsparts bis zu harten Shouts und absolut halsbrecherischen Bewegungen gab Darroh, sowie auch der Rest der Band, alles. Ich frage mich nach wie vor auch, wie Gitarrist Cliff, der mit nacktem Oberkörper und wirklich zotteligem Haar auf der linken Bühnenhälfte sein Revier beanspruchte, es hingekriegt hat bei derartigem Körpereinsatz vernünftig, vielmehr sogar, wirklich gut und sauber seine Gitarre zu spielen. Ebenso ins Auge stachen Matt und seine fast senkrecht stehenden Keyboards. Ich habe noch einen Keyboarder gesehen, der seine Instrumente auf diese weise spielt. Auch er verstand sein Handwerk, was man im Übrigen auch von Bassist Jon und Schlagzeuger Brett (er heißt wirklich so) behaupten kann.
Die nächste Band, die bei mir auf dem Programm stand, waren COVENANT. Hier wird dem einen oder anderem aufgefallen sein, dass zwischen FAIR TO MIDLAND und COVENANT drei Stunden liege. Dummerweise kann ich von diesen nicht berichten, da mein Kumpel und ich in einer heiligen Mission unterwegs waren und das Gelände mit Flyern bestellt haben. Nun ja, zurück zu COVENANT.
Die drei Schweden kamen auf die Bühne und die Menge jubelte. Wie man es ja schon kennt, standen die drei in feinem Zwirn gehüllt im Rampenlicht. Das Electro- Trio überzeugte auf ganzer Linie. Ausgerüstet mit Trommeln und Synthesizern, gaben Joakim und Clas Sänger Eskil die musikalische Untermalung für seine melancholische Stimme. Sie spielten unter anderem ihre bekannten Songs wie „ we stand alone“, „ritual noise“ und „bullet“. Als besonderes Schmankerl gaben sie zudem das Stück „der Leiermann“ zum besten, welches eigentlich dem Song „like tears in rain“ entspricht, außer, dass es den Text von Franz Schuberts gleichnamigen Stück aus dem Zyklus „Winterreise“ besitzt. Die Herren COVENANT hören also auch Klassik.
Danach kamen DIR EN GREY auf die Bühne. Ich muss ehrlich gestehen noch nie zuvor etwas von der Band gehört zu haben. Da man mir sagte, dass sie aus Japan kommen und eine wichtige Größe der japanischen „visual kei“- Szene seien, war ich um so erwartungsvoller. Nach einem Electro- Intro kamen die fünf aus dem Land der aufgehenden Sonne auf die Bühne. Der Drummer setzt zum Beat des Intros ein. Und dann......PLATZ!!!!! Ich hätte alles von Japanern erwartet, aber nicht so etwas. Nix mit ruhiger japanischer Teezeremonie! Ein beinharter Drumbeat, volles Brett Gitarre und japanische Lyrics! JAPANER ROCKEN!!!!
Darauf fand ich mich im Hangar ein um Suicide Commando zu sehen. Allerdings befanden sich auch der Bühne noch nicht die Selbigen. So haben MY DYING BRIDGE (so steht es in dem M´era Luna Linup Leporello, obwohl sie es eigentlich BRIDE heißen soll) ihren Death- Metal performed. Mit anderen Worten: Gitarren, Verstärkerregler alle auf 10 und Gas!!!!
Danach kamen dann SUICIDE COMANNDO (wie gesagt, eigentlich sollten die in umgekehrter Reihenfolge auftreten, aber das stand ebenfalls auf besagtem Faltblatt). Zwei Keyboarder und ein Drummer starteten mit langsam aufbrausenden Klängen, während auf der Leinwand Flimmern und die stetig vorgelesenen Wörter „bind, torture and kill“ als Sequenz liefen. Und dann kam Belgier, „Mr. SUICIDE COMMANDO himself, Johan van Roy auf die Bühne. Es ging los. Mit dem Lied „bind, torture and kill“ (kurz „btk“) wird die Thematik des so genannten „btk“- Serienkillers Dennis Rader aufgegriffen. Gefolgt von „Menschenfresser“, was ebenfalls morbiden Hintergrund, nämlich die des Rothenburg Kannibalen Armin Meiwes, hat. Eine brachiale Live-performance.
Nun ging es zum Headliner TOOL. Tool brauchte gleich vier Leinwände für ihre sagenhafte Show. Auf diesen liefen während des ganzen Verlaufs Sequenzen, teils aus Ausschnitten aus dem jeweiligen Video oder aus speziell für Live erstellten Animationen. Sänger Maynard stand den ganzen Auftritt über vor einer dieser besagten Leinwände. So konnte man nur seine Silhouette und seine Bewegungen wahrnehmen. Obligatorische Songs wie „sober“ oder „schism“ wurden unter anderem gespielt. Krönung war die atemberaubende Lasershow. So waren Laser auf der Bühne sowie auch im FoH („Front of the house“, bezeichnet den Turm vor der Bühne mit den jeweiligen Mischpulten, nur so nebenbei). Tool spielten ihren Auftritt bis spät in den Abend. Ein gigantischer erster Festival Tag.
12. August 11 Uhr morgens: nach einigermaßen gutem Schlaf (meine Luftmatratze war irgendwie platt, als ich aufgewacht bin) ging es nach einem deliziösen Fast- Food Frühstück wieder auf das Festivalgelände. Das Wetter war sagenhaft! Sonne, viel Sonne.....und kein Schatten!!!
So fand ich mich später vor der Hauptbühne für den Auftritt von SKINNY PUPPY wieder ein (hoppla, ein wenig lange pausiert). Auch diese Band kannte ich bis dato nur vom Hörensagen. Also durfte man gespannt sein. So kamen erst der Schlagzeuger und Bandmitglied cEvin (ich habe nachgeguckt, der muss so geschrieben werden) auf die Bühne. Besagter cEvin startete durch mit einem abgefahrenen Electrobeat, begleitet durch den Drummer. Hinter einer Aufgestellten Leinwand erschien Sänger Ogre. Weißes Gesicht und ein Wirrwarr verschiedenster Luftschläuche garnierten seinen Leib. Der Auftritt war, dank außergewöhnlich performter Show durch Orge und musikalischer Untermalung seiner Bandkollegen, kurz ausgedrückt: HEFTIG!!! Es wurde die Leinwand mit Blut beschmiert, Sänger Ogre lehnte sich von hinten gegen diese und spuckte unaufhörlich Blut. Eine absolut kranke, sowie auch geniale Show.
18. 30: Skinny Puppy haben mittlerweile die Bühne verlassen. Nun beginnt die Stagecrew mit dem Aufbau des Equipments für DEINE LAKAIEN. Sitze für die Streicher wurden aufgestellt, mehrer Synthesizer ebenfalls, sowie ein etwas betagter Computer. Nachdem die Bühne von dem ganzen Blut, welches Orge zuvor verspritzt hatte, sauber geschrubbt wurde, kam die NEUE PHILHARMONIE FRANKFURT auf die Bühne und nahmen ihre Positionen ein. Und dann kamen DEINE LAKAIEN- Sänger Alexander Veljanov und sein Mitstreiter Ernst Horn ins Rampenlicht. Die Stücke von deine Lakaien waren mir rudimentär geläufig, aber das ganze mit Orchester? Nach eineinhalb Tagen „Bumm bumm“- Musik ganz bestimmt etwas anderes. Und so war es. Die Mengen vor der Bühne verstummten. Und in angenehmer Lautstärker ertönten die Lieder der LAKAIEN im klassischen Gewand. Songs wie „into my arms“, „return“ oder „brainfic“ zeigten sich von einer ganz anderen Seite. Ernst Horn begleitete mit wahlweise elektronischer oder akustischer Gitarre das Orchester nicht zu laut, aber auch nicht zu leise. Ein verdammt runder Sound. Im Publikum floss diese und jene Träne (gebt es zu!). Wow! Eine durchaus gelungene Fusion elektronischer und klassischer Musik. Gänsehaut!!!
DEINE LAKAIEN bildeten auch gleichzeitig den Abschluss meines ersten M´era Luna Erlebnisses. Leider war es mir vergönnt THE JESUS AND MARY CHAIN, die nach langjähriger Trennung nun ihr Comeback feierten, anzusehen, da mein Kumpel und gleichzeitig auch Autobesitzer zur Rückfahrt ansetzte.
Alles im allem war es das wahrscheinlich aufregendste und auch skurrilste Festival, das ich je erlebt habe. Nächstes Jahr noch mal!