Du sitzt im Schein des prasselnden Kaminfeuers, ein Glas blutrote Flüssigkeit locker in deiner Hand. Du siehst hinaus, in die rabenschwarze Nacht. Der Wind peitscht unbarmherzig die trauernden Weiden, deren Äste wie schaurige Tänzer die Fensterscheiben erzittern lassen. Du zuckst nicht mit der Wimper, als Blitze mit ihrem krankhaften Neonlicht bizarre Szenen dort draußen erleuchten. Sie sind nah am Haus. Zu nah. Du weißt, es kann unmöglich real sein, was sie dir in zuckenden Sekundenbruchteilen zeigen. Du presst dein Gesicht gegen das kühle Glas, trotz der wohligen Wärme des Kamins fröstelst du. Von tief innen. Unablässig läuft Regenwasser in abertausenden Tentakeln vor deinen schreckgeweiteten Augen hinab. Denn die unermüdliche Monsterwolke über diesem alten, ächzenden Haus mit seinen düsteren Nischen hast du natürlich von Anfang an dazu gepachtet… VAP Walter („Kaltgeschminkt – ein Hamburger Gothicroman“ und „Gläsern – ein Gothicmärchen)
„Der Morgen dämmerte und es war bewölkt; der finstere Himmel war eine ununterbrochene Fläche aufgewühlten Graus, das sich von einem steifen Westwind getrieben, rastlos dahinwälzte. Als ich aus meinem unruhigen Nickerchen erwachte, (es als Schlaf zu bezeichnen wäre eine Beleidigung Somnus´gewesen), war es bis auf ein Seufzen des Windes im Dachgesims und das Ächzen des alten Balkenwerks still in der Harrington Lane 425. (…) Der Mann, der neben mir ritt, laborierte nicht an den naiven Illusionen wohlmeinender Eltern, die, mit ruhiger Stimme die hellen, heißen Gluten der feurigen Einbildungskraft eines Kindes löschten. Er kannte die Wahrheit. Ja, mein liebes Kind, würde er zweifellos einem verängstigten Kleinkind, das zitternd Beistand suchte, erzählen, Monster gibt es tatsächlich. Eines davon hängt gerade bei mir im Keller.“
Solche oder ähnliche klassischen Szenen aus dem typischen Schauerroman haben sicherlich viele schon einmal gelesen. Immer sind sie Sinnbild für stetes Unwohlsein und nervenaufreibende Angstzustände, irgendwo tief aus den geheimen Winkeln unserer Psyche ausgegraben. Sie nagen jetzt sicher mit Angstschweiß auf der Stirn an Ihren Fingernägeln und vergraben sich zitternd unter einer mehr oder eher weniger sicheren Kuscheldecke. Nein? Sie sind natürlich einer der ganz Mutigen, die nach dieser gruseligen Lektüre ohne Lampe zu Betten gehen, sogar ohne noch einmal darunter zu sehen? Glückwunsch.
Schon lange machen uns Wiedergängerinnen im Brautkleid, rachsüchtige Geister mit glühenden Augen und Wolfsmenschen keine Angst mehr. Heutzutage verliebt man sich wohl eher in sie. Oder nutzt sie als Spannungs- beziehungsweise Komikeinlage in diversen Wiederauflagen von klassischen Schriftstellern, heute mit ihren überaus modernen Coautoren. „Stolz und Vorurteil und Zombies“, um nur ein Beispiel zu nennen. Hier tat sich wohl Seth Grahame-Smith irgendwie mit Miss Austen zusammen. Damit hat er eine äußerst einfallsreiche Variante des modernen Gothicromans gestaltet. Wenn auch nur am Rande.
Die fantastische Literatur eröffnete zu Beginn der Frühromantik erstmals erfolgreich das Andersartige im Roman als Zwitterwesen aus nüchterner Realität und befremdlicher Skurrilität. Märchenelemente flossen ein in wirre Erzählungen, entstanden im Opiumrausch, bereichert durch aktuelle Verbrechensmeldungen. Geschichten über Dämonie und Doppelgängertum legalisierten weitestgehend mit ihrem hohen Spannungsaufbau diese sogenannte Trivial- oder Unterhaltungsliteratur auch in besseren Kreisen. Später merzte man Unheimliches mit erklärbarer Mystifikation, und zwar dem Detektivroman, aus. Bis dahin herrschte die sog. „Schwarze Romantik.“ Elemente des blutrünstigen Mittelalters fließen stark mit ein, die Grausamkeit bietet perfekte unwirkliche Atmosphäre. Eine Form davon ist erneut in der heutigen Literatur am meisten vertreten, nämlich eine Art der klassischen Groteske. Literarisches Wechselspiel zwischen rabenschwarzem Humor, der rapide in Erschrecken umschwenkt - der Leser ist unfähig, zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit zu unterscheiden, da die Grenzen schlicht nicht mehr erkennbar sind. Natürlich sind ein numinoser Schauplatz, morbides schattenhaftes Dienstpersonal ohne jegliche menschliche Eigenschaften oder gar eine schwarze Kutsche, gezogen von sechs wilden, feuerschnaubenden Rössern, unverzichtbar. Meist findet sich gar übersteigerte Erotik und gar sadistische Irrationalitäten darin. Es muss schlicht alles möglich sein.
Ebenjene Elemente konstruieren auch die moderne Gothic Novel. Dort erlebt der ewige Kampf zwischen den mittlerweile seit Jahrhunderten bekannten lykantropisch veranlagten Genossen und ihren blutsaugenden Widersachern wieder und wieder ihre finale Schlacht. An sich mutet allein dies schon unheimlich an, wegen des unweigerlichen Dejavu´s. Elfen als Vertreter keltischer Sagen verlieben sich in Menschenwesen, morbide Monstrumologen wälzen gierig ihre Bestiarien und Gargoyles erheben sich nach dem letzten Sonnenstrahl von ihren Dächern auf einen Besuch zu uns. Heute wie damals lässt sich die Leserschaft gerne in die düsteren Welten der modernen Gothicromane und der artverwandten Dark Fantasy hinüberziehen. Dr Jekyll verwandelt sich in modernen Versionen in ein brüllendes, muskelbepacktes Monstrum, statt in einen unansehnlichen, und überaus ungehobelten Mr Hyde mit speckigen Koteletten wie im Original aus 1886. Um Schockeffekte hervorzurufen reichen heutzutage keine mystischen Ausländer mehr wie Graf Dracula. Überzogene Monstrosität ist bei zurückweichender Hemmschwelle unverzichtbar geworden. Dies ist keineswegs ein Nachteil, wir sind lediglich etwas abgehärteter. Lediglich in Diane Setterfields „Dreizehnter Geschichte“ (erschienen bei Blessing) erinnert das Zusammenspiel von Figuren und Inszenierung im klassischen Sinne an Anne Radcliffes Geschichte der berühmten Schwarzen Dame in „Mysteries of Udolpho“. Und in Sophie Hannah´s „the point of rescue“, welches treffenderweise mit „Nimmermehr“ (Bastei Lübbe, € 8,99) übersetzt wurde, begegnet der Leser dem Phänomen Doppelgänger und Psychopath. Von Carlos Ruiz Zafon apokalyptischen Schauerromanen, unbedingt auch jene für Jugendliche, ganz zu schweigen – ein sprachlicher Hochgenuss ganz im Sinne alter Meister des Grauens! Geblieben sind oftmals auch das beliebte Totem Rabe oder Wolf und die geheimnisvolle schwarze Katze. Was die klassische Gothic Novel an atmosphärischer Dichte mit eher menschlichen und ängstlichen Hauptakteuren aufbrachte, zeigt sich dieserzeit durch sehr visuelle Angstmacher wie morbide Leichenbestatter, exzentrische Gothicrocker mit Hang zu Verstümmelungen oder Monstren aller Art, deren Widersacher alles andere als den typischen Antihelden darstellen. Statt vager Charaktere, deren geheimnisvolle Aura wie ein undurchsichtiger Nebelschleier wenig von ihrer Person preisgeben lernen wir von Eigenarten durchwirkte Hauptfiguren kennen. Von ihnen wird geradezu alles preisgegeben und wir kennen sie bald besser als manche unserer Bekanntschaften. Dieser Held, ob mit oder ohne Schwächen, kämpft – damals wie heute noch immer bis zum letzten Blutstropfen – gegen sehr körperliche Schrecken an, statt die Tücke und Hinterlist des psychischen Horrors auszumerzen. Die Angst vor dem Unbekannten, vor dem, was sich hinter der knarzenden Tür verbirg, ist nicht länger Gegenstand moderner „GothLit“. Jedoch sind die neuen Monster keineswegs weniger spannend oder gruselig. Die Zeiten des psychischen Grauens sind schlicht vorbei und in die Psychologieabteilungen dieser Buchhandlungen verfrachtet. Psychothriller übernehmen geistigen Grusel und doch sind die modernen Gothic Novels deutlich als solche zu erkennen. Unsere heimlichen Ängste sind schließlich lange schon nicht mehr dieselben wie vor über dreihundert Jahren. Würde man seinem Doppelgänger in dunkler Gasse in die hasserfüllten Augen sehen, man zöge höchstens verwunderte die Schultern gen nachtschwarzen Himmel. Was noch vor wenigen Jahren mit missbilligend erhobenen Augenbrauen und abfälligem Zungenschnalzen als „Unterliteratur“ oder „sinnfreie Anspruchslosen-schmöker“ abgetan wurde, erlebt seit einem Jahr sein Comeback. Man fühlt sich wieder angezogen vom Mystischen, vom Grauenvollen, vom brachialen Wesen im Nebel. Die „Big Five“, welche das Gothicgenre als solches ausmachen sind auch heute noch: Der Werwolf/das Monster, der Vampir/der Kanibale/der Teufel, Das Ding/das Unbekannte, der Doppelgänger und der Parasit in uns/die Metamorphose. Stephen King beschreibt sie äußerst treffend in seinem „Danse Macabre“. Vielleicht als Zuflucht vor den lauernden und weitaus erschreckenderen Gefahren von finanziellem Ruin oder beruflicher Tristesse. Allerdings in neuem Leichengewand. Nicht nur die Art der Angstmacher hat sich verändert, auch sind es kaum noch richtige Angstmacher, die ernsthafte Gothicleser manchmal mit ihrem ziemlich seichten Unwesen zu Tode langweilen. Dennoch, einige Vertreter der klassischen Gothic Novel gibt es auch in der aktuellen Literatur.
Oben genannter Auszug stammt nämlich keineswegs aus einem verstaubten Gothic Roman. Autor Rick Yancey vereint in seinem Buch „Der Monstrumologe“ alle vakanten Elemente in beinahe optimalem Schreibstil und mit der nötigen atmosphärischen Düsternis. Auch, oder gerade weil, der Held dieser Groteske der Kleine Will ist, macht das Sezieren unheimlicher Kreaturen unter der Obhut eines zweifellos irren Arztes zum Lesevergnügen a´la Horace Walpole.
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Zu den schaurigsten und besten Vertretern der modernen Gothlit gehören heutzutage auf jeden Fall:
Willam Gay, ultimativer Vertreter der amerikanischen Southern-Gothic-Literatur. Seine Bücher „Ruhe Nirgends“ und „Nächtliche Vorkommnisse“ sind ein wahres Lesefest für Liebhaber. Im typischen Stil der Groteske führt er den Leser mit jeder Seite tiefer hinein in die Abwärtsspirale des modernen Gothic. In „Ruhe Nirgends“ macht sich ein Sohn auf die Suche nach dem Mörder seines Vaters und geht prompt bei diesem in die Lehre… (Arche,€19,90) „Nächtliche Vorkommnisse“: Ein irrer Leichenbestatter stellt seine schönsten Leichen auf einer Pritsche zur Schau, macht sie zu Objekten seines Fotosammelalbums. Als ein junges Pärchen die Fotos in die Finger bekommt, um den Mann zu bestechen, beginnt die gnadenlose Jagd in die Nacht. Denn der Bestatter hat noch ein Ass im Ärmel. Ein Psychopath schuldet ihm einen Gefallen… (Arche, €19,90)
„Drood“, die berühmte missgestaltete Figur aus Charles Dickens unvollendetem letzten Roman, erlebt bei Dan Simmons eine wahrhaft tausendseitige Auferstehung. Wilkie Collins, Autor von „the Woman in White“, berichtet als Ich-erzähler Ende des 19. Jahrhunderts zynisch über seine Freundschaft zu dem Romancier und die schockierenden Begegnungen mit dem gefährlichen Teufel Drood, Mann oder Monster? Oder gar ein nur Hirngespinst? Es lohnt sich jede Seite! (Heyne, € 10,99)
Joe Hill, geheimgehaltener Sohn von Schockergott Stephen King hat nicht nur sein Aussehen vom Vater geerbt.
In „Blind“ ersteigert der alternde Gothicrocker Judas Coyne einen überaus furchterregenden Geist im Internet. Abgesehen davon lässt Mr Hill nicht nur das gesamte Geschehen in der Schwarzen Szene stattfinden, auch seine Recherchen sind detailliert und äußerst realistisch.
In seinem kürzlich auch in Deutschland erschienenen Folgeroman „Teufelszeug“ stößt der geübte Leser erneut auf Elemente des alltagstauglichen Gothic. Der lethargische Ignatius Perrish verliert unter grausamen Umständen seine Geliebte, an deren Mord er auch noch beteiligt gewesen sein soll. Da er für alle nun als Mörder gilt, sucht er kurzfristig Beistand bei Gott. Der hilft im jedoch keineswegs weiter. Eines Morgens erwacht Perrish dann jedoch mit zwei Teufelshörnern auf der Stirn… (Heyne, € 8,99 & Heyne, € 19,99)
Richard Laymon´s Werke kann man generell immer lesen, wenn man gerade Lust auf eine literarische Geisterbahnfahrt verspürt. Man wird mit keinem seiner neonschwarzen Bücher einen Griff ins glibberige Klo riskieren. Seine Kurzgeschichten „Furien“, erscheinen bei Festa-Verlag mit einem Vorwort von Dean Koontz, eignen sich perfekt um den Autor kennenzulernen. Bei Heyne Taschenbuch erscheint derzeit „Der Käfig“. Ähnlich seinem Vorgänger „der Pfahl“, erwacht hier eine einstige Herrscherin zum Leben, jedoch als Mumie. Und Kalifornien hat wieder einen Grund, sich zu fürchten.
Dass im Kriminalroman „Dinosaurierfedern“ die offensichtlich rabenschwarzen Protagonisten zwischen der doch sehr konservativ dargestellten Welt der „Normalos“ und der eher grauen Gothicszene irrlichtern, wird noch nicht im ersten Kapitel offensichtlich. Es beginnt mit dem Mord an einem Biologieprofessor, der beweisen will, dass die Vögel von den Dinosauriern abstammen. Eine überaus einfallsreiche Tötungsmethode und die liebenswerten Gothics Sören und Anna als Ermittler. Dennoch, ein solide recherchierter Roman der mich zwar weniger durch seinen nicht vorhandenen Gothicschreibstil, wohl aber mit sorgsam gestalteten Darstellern und guten Szeneschauplätzen überzeugt hat. (Hoffmann&Campe, € 19,99)
In den kommenden vier Monaten erscheinen vorwiegend für weibliche Leserschaft einige Titel, die zu den spannendsten gehören, die ich als Buchhändlerin gelesen habe. Unter anderem ein brandneuer Carlos Ruiz Zafón. Wer diesen Herrn bis dato noch nicht kennt, sollte jedenfalls „Das Spiel des Engels“ lesen, eine Hommage an den klassischen Schauerroman anhand eines besonders apokalyptischen Barcelona.
Die Damen Maryrose Wood und Jane Northumberland (ja, die Ehefrau des 12ten Herzogs von Northumberland) erfreuen dann ab Mai mit ihrem giftigen Büchlein „Die Poison Diaries“. Ebenso mein Liebling „Der Besucher“ von Sarah Waters.
Nun bleibt mir nur noch ein Rat an Sie: geben Sie acht auf knarzende Treppenstufen. Wer weiß schon, warum sie im nächtlichen Haus schaurig ächzen, selbst wenn wir sie doch gar nicht betreten haben. Aber das haben Sie ja längst überprüft…
(Vap Walter)

